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Cypher's Stories

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Teil 5 - Eine Frage der Schuld (2)

Cypher

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V.

Begleitet von immer wieder aufbrandeten Gefechtslärm schlug Petrov sich durch die Stadt, oder das was davon noch übrig war. Unablässig kratzten Schutt und Rauch in seiner Lunge und ließen ihn kaum zu Atem kommen. Selbst das notdürftig angelegte Tuch half nur wenig.

Etliche Häuser brannten unkontrolliert nieder, da niemand mehr da war um sie zu löschen. Einige waren auch schon unter der Last der Angriffe zusammengebrochen.

Wer konnte war geflohen, der Rest hatte sich in kleine Löcher verkrochen in der Hoffnung auf baldige Rettung. Doch die ausgebrannten Raumschiffwracks, die ab und zu seinen Weg kreuzten ließen ihn beträchtlich daran zweifeln. Alles was fliegen konnte, wurde vom Himmel geholt.

Als Petrov um eine Ecke bog, flog er plötzlich der Länge nach hin. Angewidert spuckte er den Dreck aus seinen Mund und rappelte sich wieder auf. Er brauchte sich gar nicht erst umzudrehen, um zu wissen worüber er gestolpert war.

Überall fanden sich Leichen, hatten die Vanduul doch vor kurzem damit begonnen Jagd auf die Menschen zu machen, als wären sie nichts weiter als Vieh. Ihre Miliz war dabei nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen, hatten sie die Verteidigung doch innerhalb von Minuten überrannt. Einige versprengte Einheiten irrten zwar noch durch die Straßen, wurden aber nach und nach aufgerieben. Ungehindert wütenden die Vanduul nun in der Stadt.

Ihm war schnell klar geworden, dass dies nicht einfach nur ein kleines Überfallkommando war. In dieser Größenordnung kam es schon eher einer Invasion gleich.

Bisher war es ihm jedoch erspart geblieben zwischen die Fronten zu geraten oder von den Vanduuls aufgespürt zu werden. Nicht mehr lang und er würde seinen Truck erreichen, dann konnte er endlich seine Schwester hier rausholen. Niemals würde er sie in dieser Hölle zurücklassen.

Vor sich hörte er auf einmal leise Schritte und Getuschel. Kurzerhand entschied er sich durch einen Vorgarten abzukürzen. Schnell sprang er über den Zaun und schlug herumhängende Wäsche aus dem Weg, als er auf einmal mitten im Lauf gegen eine Wand knallte. Stöhnend landete er auf dem Rücken.

Nur das es sich leider nicht um eine Wand handelte, vielmehr um ein Bein. Von einem Vanduul.

"Fuck...", langsam kroch er rückwärts, in der Hoffnung nicht bemerkt worden zu sein.

Vergeblich. Der Kopf ruckte zu ihm herum und die Augen glitzerten ihn mordlüstern an.

Petrov zog eine Pistole hervor, die er zuvor einem toten Soldaten abgenommen hatte und zielte. Zwar hatte er noch nie eine Waffe abgefeuert, aber aus dieser Entfernung konnte er unmöglich verfehlen. Unter lautem Getöse gab er mehrere Schüsse ab.

Der gepanzerte Riese ließ sich dadurch aber nicht einen Moment aus der Ruhe bringen. "Verreck endlich, du Mistvieh!" Zu seinem entsetzten musste er aber mit ansehen, wie jede Kugel wirkungslos an der Rüstung abprallte. Höhnisches Lachen erklang unterdessen hinter dem Gesichtsschutz hervor, sofern man das Grunzen denn als solches identifizieren konnte. Verzweifelt suchte er nach einem Weg seinem Schicksal zu entgehen, während der Vanduul sein rituelles Messer zückte und immer näher kam.

Verdammt, ich kann hier noch nicht abkratzen, nicht ohne-

Eine grelle Explosion stach ihm in die Augen, geblendet musste er sich abwenden. Enorme Hitze flutete über ihn hinweg, während er nur noch ein ohrenbetäubendes piepen hören konnte. Als es jedoch kurz darauf abebbte, brach ein wahres Chaos an Geräuschen über ihn herein.

Wütende Schreie von Vanduuls, bruchhaftes Gewehrfeuer und menschliche Flüche vermischten sich miteinander und waren das letzte was er mitbekam, bevor er auch schon von irgendetwas schweren getroffen wurde. Ohne es verhindern zu können, wurde er auch seiner letzten Sinne beraubt.

In hohem Bogen segelte die Granate zwischen die überraschten Vanduuls, welche sofort wie ein aufgeschreckter Vogelschwarm auseinander stoben. Dumpf krachte es.

"Zwei weniger!", rief Roke spottend und schickte noch ein paar ungezielte Salven hinterher.

Logen hatte sich bei einem stehengelassenen Auto in Deckung begeben und blickte über die Karosserie zu ihrem Gegner.

Dies war jetzt der letzte Sammelpunkt den sie passierten, in der Hoffnung noch jemanden aus ihrer Einheit zu begegnen. Doch die Rotte Vanduuls die sich dort festgesetzt hatte, ließ nicht viel Raum für Spekulationen. Wären da nicht plötzlich Schüsse aus deren Reihen erklungen, hätten sie wohl einen großen Bogen um diese gemacht. Vielleicht waren sie ja doch nicht die letzten.

Klagend sprang die Alarmanlage eines Autos an, als die Geschosse nur knapp an Roke vorbeizogen.

"Daneben!", brüllte Roke über den kleinen Platz, "War das etwa schon alles, ihr verdammten Viecher?!"

Schon machten sich die ersten daran, wütend aus ihrer Deckung zu stürmen, wurden aber schnell eines besseren belehrt. Mündungsfeuer blitzte über die ungeschützte Flanke auf und riss zwei der Vanduuls ins Verderben. Unordnung brach aus, als Lucy und Roke ihr Feuer verstärkten. Ein animalischer Schrei ausstoßend ging ein weiterer Vanduul zu Boden.

Logen nutzte sofort den Moment der Ablenkung um sich ungesehen über die Deckung zu schwingen. Stück für Stück kam er seinem Ziel näher.

Sich freiwillig auf einen Nahkampf mit einem Vanduul einlassen? Für die meisten glatter Selbstmord, für ihn jedoch schon eine längst bekannte Herausforderung. Wenn auch nicht ohne Risiken.

Wirklich eine große Wahl hatte er aber ohnehin nicht, neigte sich ihre Munition doch langsam aber sicher dem Ende zu. Auf einen einzelnen Attentäter oder eine kleine Gruppe von Angreifern wären sie vorbereitet gewesen, aber das? Hätte er jeden Vanduul erschossen der ihnen bisher begegnet war, hätte er schon nach zehn Minuten keine Kugeln mehr gehabt.

Als er nah genug war, stieß sich kraftvoll ab und schlitterte über eine Motorhaube hinweg, den Finger am Abzug. Der erste Vanduul war tot, noch bevor er den Boden berührte.

Sein plötzliches auftauchen ließ die übrigen zwei nur für einen Augenblick zögern, doch das reichte bereits aus. Dem nahestehendsten fuhr das Bajonett zwischen die Panzerplatten, bis es zur Gänze darin verschwand.

Wutentbrannt brüllte der ihn an, sodass ihm stinkender Speichel entgegen flog. Anscheinend hatte er genau die richtige Stelle getroffen.

Als er sah wie der Vanduul sich anschickte seine Waffe zu heben, drehte er das Gewehr leicht gegen den Uhrzeigersinn und drückte ab. Er ließ sich vom Rückstoß tragen und setzte sich mit einer Drehung vor den Vanduul, sodass der zweite Schütze kein freies Schussfeld mehr hatte. Begleitet von einem hässlichen knacken, traf der Kolben seines Gewehrs auf den Unterkiefer. Benommen durch die Wucht des Aufpralls, ließ er seine Deckung sinken.

Es dauerte keinen Atemzug, bis Logens Klinge durch die Kehle ins Gehirn eintrat. Ein letztes zucken durchfuhr ihn noch, dann brach er leblos zusammen.

"Du tötest niemanden mehr...", sagte Logen leise, während er beobachtete wie langsam das Leben aus seinen Augen wich.

Einem inneren Reflex folgend, warf er sich hinter einen Müllcontainer. Zwar verlor er seine Waffe aus den Händen, machte so aber dem Tod erneut einen Strich durch die Rechnung. Logen konnte hören wie die Geschosse hinter ihm an einer der Häuser zerbarsten, bis er das unverkennbare klicken eines leeren Magazins vernahm. Deutlich vernahm er das fluchen des Vanduuls.

Ohne lange zu überlegen, stürzte er zu seiner Waffe. So leicht wollte es ihm sein Widersacher jedoch nicht machen und zog blitzschnell sein rituelles Messer hervor.

Mit mehr Glück als Verstand riss er im letzten Augenblick noch sein Gewehr hoch um den tödlichen Stoß abzufangen, wurde aber von der rohen Kraft des Vanduuls in die Knie gezwungen.

Das Maul zu einem grässlichen Zähnefletschen verzogen, kam dessen Messerspitze immer näher. Lange würde er das nicht durchhalten.

Fieberhaft überschlugen sich seine Gedanken, als ihn plötzlich ein Tritt vor die Brust traf. Die Wucht dahinter war enorm und so wurde er über die ganze Straße geschleudert, wo er schließlich in dem kleinen Abwasserkanal landete.

Statt aber auf harten Beton zu treffen, war der Grund weich und uneben. Für einen Moment dachte er schon er wäre gestorben, das schmerzhafte Brennen auf seiner Brust trieb ihm den Gedanken aber schnell wieder aus. Vorsichtig setzte er sich auf, doch ließ sich in der Dunkelheit des Lochs nichts erkennen. Vom Vanduul fehlte auch jede Spur.

Stattdessen hörte er Schüsse und heisere Befehle durch die Nacht hallen, was hieß das Lucy und die anderen noch in Kämpfe verstrickt waren. Immerhin.

Mühsam versuchte er sich wieder hochzustemmen, tastete blind nach dem erstbesten Halt. Seine Hand zuckte aber umgehend zurück, als er merkte nach was er da gegriffen hatte. Irgendein armes Schwein war wohl schon vor ihm hier hineingerutscht und er hatte ihm ausgerechnet ins Gesicht fassen müssen. Angewidert wischte er sich die Hand an der Hose ab.

In der Ferne flammte plötzlich eine Explosion auf und erhellte für einige Sekunden die Szenerie. Logen erstarrte.

Leichen. Überall. Der ganze Kanal war voll von ihnen. Soldaten, wie Zivilisten in tödlicher Umarmung vereint. Einige hatten unaussprechliche Verstümmelungen, andere wirkten als wären sie erst vor kurzem dem Tod übergeben worden. Es sah aus als wären sie wie Vieh zur Schlachtbank getrieben worden. Ihm wurde speiübel.

Er musste hier raus. Sofort. Die toten Körper versperrten ihm den Weg, es gab keine andere Möglichkeit als über sie hinwegzuklettern. Männer, Frauen... und Kinder.

Als er sich schließlich auf die Straße geschleppt hatte, konnte er wieder einigermaßen durchatmen. Doch sobald er die Augen schloss, sah er sie erneut vor sich. Keuchend kamen ihm die Tränen, diese maßlose Gewalt war zuviel.

Erst als Logen spürte wie er angestarrt wurde, erhob er sich wieder. Es war der Vanduul, welcher immer noch an derselben Stelle stand wie zuvor. Emotionslos und verständnislos blickten ihn die Augen an, so als wären sie sich keiner Schuld bewusst. War es wirklich Hass der die Vanduuls so handeln ließ?

Seine eigene Frage, wurde jedoch sogleich wieder von den Bildern aus dem Kanal überschattet. "Verdammte Monster..." Er würde ihnen zeigen was Hass war.

Entschlossen richtete er sich wieder auf, das Bajonett in der Rechten.

"Na los.... komm schon!"

Schon setzte sich die massige Gestalt in Bewegung, schneller als er gedacht hatte. Logen suchte sich einen festen Stand, um ihn gebührend zu empfangen. Doch kurz bevor er in Reichweite war, durchzog plötzlich ein Knall die Luft. Taumelnd wurde sein Gegner immer langsamer, bis er vor seinen Füßen wie ein nasser Sack auf den Boden klatschte.

"Nein..."

Ratlos schaute er auf den Toten, dessen Hinterkopf nun ein klaffenden Loch zierte. Ein perfekter Kopfschuss. Woher..?

Im selben Moment schälte sich Lucys Gestalt aus der Dunkelheit und kam auf ihn zu.

"Wolltest du dich umbringen?", sprach sie ihn verwurfsvoll an.

"Ich hätte-"

"Ich weiß was du kannst!", schnitt sie ihm das Wort ab, bevor sie etwas ruhiger fortfuhr, "....wieso hast du die nicht gezogen?"

Sein Blick wanderte zu seinem Gürtel, an dem seine entsicherte und voll aufgeladene Pistole hing.

"Dazu war keine Zeit mehr.", gab er grummelnd zur Antwort.

Sie lächelte ihn an während sie näher kam, aber es lag keinerlei Freude darin.

"Du machst mir nichts vor...du hättest ihn erwischen können, du bist schnell genug. Was sollte das? Was, wenn er dich erwischt hätte?"

Beide standen sie sich nun gegenüber, nur noch die Leiche zwischen ihnen.

"Du hast mir was versprochen, schon vergessen?"

Das Leder seines Handschuhs knarrte protestierend, als sein Griff um das Bajonett immer fester wurde.

"Du hast es nichts gesehen...", brachte er nur mühsam hervor.

"Erzähl mir kein Scheiß, ich weiß was ich gesehen hab!", machte Lucy ihren Zorn Luft.

"Nicht das! Da unten war-"

Etwas schlug plötzlich in der Häuserreihe keine hundert Meter entfernt von ihnen ein und ließ einen wahren Trümmerregen entstehen. Einem Reflex folgend warfen sie sich sofort zu Boden. Schon zischten die ersten Schüsse aus mehreren Richtungen heran.

Logen sah sich um, während er aufsprang und mit Lucy zu den anderen rannte. Der Panzer eines Miliztrupps war um eine Häuserecke gebogen und deckte die Straße mit Feuer ein. Vom anderen Ende der Straße, folgte kurz darauf die brachiale Antwort. Vanduuls kamen aus der immer noch anhaltenden Schuttwolke hervor, dahinter konnte er noch die schemenhaften Umrisse eines ihrer Panzer ausmachen.

Dessen nächster Schuss ließ den Panzer der Miliz wie eine überreife Frucht platzen. Die armen Schweine hatten keine Chance.

Als sie bei Roke ankamen, hatte der sich irgendjemanden über die Schulter gehängt. Einen Moment befürchtete Logen schon, es wäre Viktor, der stand jedoch einige Schritte daneben.

"Wer ist das?!", rief er über den Gefechtslärm hinweg.

"Keine Ahnung! Lag unter dem toten-"

"Schnauze! Wir können auch noch später klären wer das ist. Wir hauen hier erstmal ab!"

Keiner beschwerte sich, wollte doch niemand mit den Soldaten eingekesselt werden. Für die war es hoffnungslos.

Nicht das sie es nicht versucht hätten. Zuerst hatten sie sogar noch versucht sich den Truppen der Miliz anzuschließen und den Rest ihrer Einheiten wiederzufinden. Aber überall herrschte totales Chaos. Die schiere Größe des Angriffs hatte die ganze Kommandostruktur praktisch kollabieren lassen. Als keine Befehle mehr durchkamen, griff Verwirrung und Panik um sich, die sowieso schon ihren Höhepunkt erreicht hatte. Und so fing jeder nach und nach an, nur noch für sich selbst zu kämpfen.

VI.

Mit brummendem Schädel erlangte Petrov wieder das Bewusstsein. Er blinzelte ein paar Mal bevor er sich an das schummrige Licht gewöhnt hatte.

Ein Plakat vom Murray Cup war das erste was ihm auffiel. Passenderweise musste er an Fred denken, war der doch früher mal dort mitgeflogen, wenn er sich nicht irrte. Ob der es vielleicht rausgeschafft hat? Auch wenn sein Essen der letzte Dreck war, hoffte er es.

Als er sich genauer umsah, bemerkte er das er sich in einen kleinen Feinkostladen befand. Während er dort so am Verkaufstresen gelehnt saß, besah er sich des Durcheinanders. Nur wenige Regale standen noch und überall lag Essen auf dem Boden verteilt. Wie war er hier nur hingekommen?

Mit schmerzenden Knochen richtete er sich schließlich auf. Ihm war es egal, immerhin konnte er nun weiter nach seiner Schwester suchen.

Als Petrov sich in Richtung Ausgang aufmachte, bemerkte er das er nicht alleine war. Vier abgehalfterte Kerle in voller Kampfmontur lungerten genau auf seinem Weg nach draußen herum. Die Abzeichen fielen ihm kurz darauf ins Auge.

"Das hatte mir noch gefehlt...", brachte er es halblaut heraus.

Einer von denen drehte sich neugierig zu ihm um, ein ruppiger Kraftprotz der ihn aber freundlich anlächelte.

"Hey, ich hab doch gesagt der Typ rappelt sich wieder auf.", meinte er gut gelaunt und kam auf ihn zu.

Zwar hielten sie die Läufe die ihrer Waffen auf den Boden gerichtet, aber Petrov konnte das Misstrauen der anderen spüren. Verdammte UEE!

"Und was jetzt, Roke? Wir können ihn nicht die ganze Zeit mitschleppen. Der verlangsamt uns nur.", murrte einer von denen und bedachte ihn mit feindseligen Blick.

"Sollen wir etwa ewig durch die Straßen hier irren, Logen? Mal können wir einen Straßenzug weit sehen, dann wieder nur zehn Meter. Ohne einen der sich hier auskennt sind wir früher oder später Vanduulfutter. Sergeant?"

"Vik hat recht, wir kommen so nicht weiter. Der Kerl ist unsere beste Chance."

Erst an der Stimme erkannte Petrov das es sich bei dem Sergeant um eine Frau handelte. Das konnte an seiner Meinung aber auch nicht viel ändern. Er würde einen Teufel tun und diesen Idioten helfen.

Die diskutierten frohen Mutes weiter, also quatschte er im nächsten Moment auch einfach dazwischen.

"Hey Sergeant Wie-auch-immer, ich weiß zwar nicht was euer Problem ist, aber ich will mit eurer UEE Scheiße nichts zutun haben, klar?"

Schon steckte er sich einen von den verstreuten Stims an und wollte an den Soldaten vorbeigehen, der Kerl namens Logen versperrte ihm aber den Weg.

"Nicht so schnell Kumpel, wir-"

"Ich bin nicht dein beschissener Kumpel, Arschloch."

Der schaute ihn einen Moment grimmig an, überging jedoch die Beleidigung.

"Wir haben dich immerhin gerade davor bewahrt zwischen den Kämpfen zerrissen zu werden, da könnte es nicht schaden wenn du uns..."

Er warf ihm aber nur ein trockenes Lachen entgegen.

"Oh, die kleinen UEE-Marionetten stecken in der Klemme? Einen feuchten Dreck werd ich tun, wegen euch ist Alex vielleicht schon..."

Stumm presste er die Lippen zusammen. An so etwas sollte er gar nicht denken.

"Wegen uns? Was willst du damit sagen?"

"Na wie erklärt ihr euch wohl, dass die hier nur ein paar Tage nach euch hier einfallen? Zufall?"

Logen konnte zuerst nicht glauben was er da von dem zotteligen Penner zu hören bekam. Schmerzhaft musste er wieder an die Bilder aus dem Abwasserkanal zurückdenken.

"Wir haben nicht...", grob packte er dessen Kragen und schlug ihn gegen das Regal.

"Nicht wir sind auf die blöde Idee gekommen, sich im Vorgarten der Vanduuls breitzumachen! Also gib wem immer du willst die Schuld, aber nicht uns!"

Sein Griff spannte sich und er stand kurz davor dem Kerl sein spöttisches Grinsen aus dem Gesicht zu prügeln. Lucy war es die ihn geradeso noch daran hindern konnte.

"Lass ihn los Logen, dass bringt uns jetzt auch nicht weiter."

"Es ist nicht unsere Schuld..", sagte er noch leise, dann stieß er Petrov von sich und stellte sich etwas abseits in den Schatten. Besorgt schaute Lucy ihm hinterher.

"Ich verschwinde, macht ihr doch was ihr wollt."

Noch während die Glassplitter der Schiebetür unter seinen Stiefeln zu knirschen begann, legte er sich eine neue Route zurecht. Er kannte diese Straßen wie seine Westentasche, vielleicht müsste er ein paar Umwege machen, aber...

"Warte.", vernahm er dann doch noch die Stimme des Sergeants hinter sich.

"Hm..?", zwar wusste er nicht wieso er stehen blieb, aber er tat es dennoch.

"Du kennst dich hier bestens aus, richtig? Wie wäre es dann mit einem Deal?"

Kurz hielt er inne, als würde er es ernsthaft in Erwägung ziehen.

"Vergiss es Püppchen... mit euch will ich nichts zutun haben."

Als er sah wie sie wütend die Augenbraue verzog, musste er breit grinsen.

"Was ist mit Alex?", Petrovs Lächeln gefror umgehend, er wusste er hätte sie nicht erwähnen dürfen, "Mit uns stehen die Chancen wesentlich besser, sie lebendig zu finden."

Auch wenn er es sich zuerst nicht eingestehen wollte, sie hatte recht. Es waren zwar nur ein paar Blocks, aber bei den ganzen Vanduuls...

"Und was wollt ihr im Gegenzug von mir?"

"Einen Weg aus der Stadt, nach Norden."

"Nach Norden? Wieso ausgerechnet..." - "Die Details gehen nur mein Team was an, klar? Entweder ja oder nein."

Wie bei jedem Male wenn er gezwungenermaßen mit der UEE zusammenarbeiten musste, fuhr ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Petrov wusste er würde es bereuen, aber hatte er eine Wahl?

"Na schön... aber ich fahre."

"Fahren?", fragte Roke verwirrt.

Über Ihnen in der Dunkelheit hörte Logen wie die Jäger der Vanduuls vorbeizogen. Ein beunruhigendes Gefühl, wenn er daran dachte das die nächste Staffel Hornets Lichtjahre entfernt war.

"Wie siehts aus?", durchbrach Lucy die anhaltende Stille.

Ein riesiges Lagertor erhob sich einige Schritte hinter Logen aus dem Boden, welches laut diesem Petrov noch aus der ersten Besiedlungsphase des Planeten stammte. Er konnte nur hoffen das dass gleiche nicht auch für dessen Truck galt.

Zurzeit hatten sie jedoch noch ein ganz anderes Problem, wurde das Ganze doch von einem einzigen winzigen Schaltpult aus kontrolliert. Ratlos standen Petrov und Viktor davor, der eine suchte händeringend nach einem Sicherheitscode in seiner Hose, der andere fand keine Möglichkeit das altmodische Modell zu überbrücken.

"Ich sags ja nur ungern, aber wenn ihr euch nicht beeilt, sind wir gleich am Arsch."

Logen hatte sich mit Lucy und Roke über den Platz verteilt, um nach Ärger ausschau zuhalten, während die beiden an der Öffnung der Tore arbeiteten. Hatte ihr Glück bis eben noch angehalten, kam nun eine ganze Kampftruppe Vanduuls in ihre Richtung marschiert.

"Kommt mit wir haben keine Zeit mehr.", gab er den beiden zu verstehen und lief zurück zum Tor.

"Vik, geh mal zur Seite." - "Wieso? Bist du auf einmal zum Meistertechniker geworden?" - "Ha, das werden wir gleich sehen."

Bevor auch nur jemand Einwände erheben konnte, knatterten mehrere Schüsse mitten in das Schaltpult. Außer einigen Funken die hervorsprühten tat sich zuerst gar nichts, man hörte nur wie die Vanduuls begeistert aufbrüllten, da sich doch noch was zum kämpfen in den Ruinen finden ließ.

"Hast du sie nicht mehr alle?!", entfuhr es Viktor.

Ohne auf Viktors Worte zu achten, verpasste er dem Schaltpult noch einen Tritt. "Komm schon!"

Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte sich der Mechanismus dann doch noch quietschend in Bewegung. Als er sich umdrehte, schauten ihn alle nur an, als wären sie in einem schlechten Film geraten.

"Was? Es hat doch geklappt. Also wollen wir hier jetzt verschwinden oder nicht?"

Ungläubig schüttelte Lucy den Kopf, konnte sich ein Lächeln aber nicht verkneifen. "Alle aufsitzen! Wir hauen ab!"

Es dauerte nicht lange, dann konnte Logen hören wie sich die Vanduuls langsam vor der in Dunkelheit gehüllten Öffnung einfanden und sich in ihrer eigenen Sprache unterhielten. Begierig wie sie waren, vernachlässigten sie alle Vorsicht. Ein Fehler wie sich im nächsten Augenblick herausstellen sollte.

Der Motor von Petrovs Truck röhrte auf und setzte sich mit einem Ruck in Fahrt. Als er aus dem Durchgang geschossen kam, konnten nur noch wenige Vanduuls rechtzeitig ausweichen. Mit einem reißenden Geräusch verschwanden sie unter den schweren Reifen und verschmolzen mit dem Straßenbelag, oder wurden durch die schiere Wucht weggeschleudert. Zusammen wurden Roke und Logen in der Fahrerkabine umhergewirbelt und fingen lauthals an zu lachen.

"Was ist verdammt noch mal so lustig?!", wollte Petrov wissen. Er verstand beim besten Willen nicht, wie man in ihrer aktuellen Situation Witze reißen konnte.

"Na, wir schicken grad dutzende Vanduuls zu ihren Göttern und müssen dabei keine einzige Kugel abgeben. Und unser Lachen ist dabei das letzte was sie hören werden!", gab Roke zum besten und grinste ihn an.

Petrov schnaubte nur abfällig. Dreckskerle! Es war als würden sich alle seine Vorurteile gegenüber der UEE an einem einzigen Tag manifestieren.

Er versuchte die beiden Soldaten neben sich zu ignorieren und konzentrierte sich wieder auf die Straße vor ihm.

Wo er normalerweise stundenlang im Stau stand, konnte er jetzt einfach spielend leicht mit seinem Truck die verlassenen Autos zur Seite drücken. Ausweichen musste er nur selten. Währenddessen zuckten in der ganzen Stadt Flammen umher und breiteten sich ungehindert aus. Auch wenn er es ungern sah, aber der Todeskampf der Stadt war zugleich die perfekte Tarnung für ihre Flucht.

Eine Explosion rechts neben seinem Truck holte ihn wieder zurück ins hier und jetzt. Wild riss er an dem Lenkrad herum, um den nachfolgenden Geschossen auszuweichen.

"Nach rechts! Rechts!", schrie deren Sergeant hinter ihm, während alles um sie herum in die Luft zu gehen schien. Gewehrfeuer raubte ihm kurzerhand das Gehör. Ein Splitter schrammte über sein Gesicht, ehe sie dem Beschuss ausweichen konnten.

Sofort trat er das Gaspedal wieder durch, auch wenn der Motor kurz von einem stottern geplagt wurde. Ihm lief die Zeit davon.

VII.

Logen war gerade dabei seine Weste bequemer zurecht zu zupfen, als der Truck plötzlich eine Vollbremsung hinlegte. Schmerzhaft stieß er sich den Kopf, als er nach vorn geworfen wurde. Brummend wollte er sich sogleich an Petrov wenden.

"Was soll der Mist? Wieso halten- Hey!"

Der Kerl schien ihm gar nicht zuzuhören, sondern war bereits aus der Tür gestürzt.

"Was glaubst du wohl wo wir sind?", meinte Lucy verärgert, "Hier wohnt seine Schwester. Also aussteigen, los."

Da fiel es ihm wieder ein, der alberne Deal den sie gemacht hatten. Zwangsläufig griff er nach seiner Waffe und schwang sich raus.

Als er den demolierten Wohnblock zu Gesicht bekam, bezweifelte er stark das sie hier noch irgendjemanden lebend finden würden. Ein Schiff der planetaren Sicherheit war mitten in die oberen Geschosse abgestürzt und drohte jeden Moment in sich zusammenzufallen.

Ein Stück voraus fing Petrov an nach Alex zurufen und verschwand durch die zerstörte Eingangstür.

"Logen du bleibst mit Roke hier. Vik und ich schauen nach ob wir noch was tun können. Gebt uns bescheid, falls sich was tut."

Er nickte ihr zu, dass er verstanden hatte und schaute ihnen noch kurz hinterher. Dann drehte er sich zur Straße und ging ein Stück hinunter, um sich umzusehen.

War es vor ein paar Stunden noch eine belebte Straße voller Menschen gewesen, zeichnete sich jetzt nur noch das Bild purer Zerstörung ab. Nichts schien verschont geblieben zu sein, der Gestank des Todes überlagerte alles andere. Er wollte sich schon abwenden, da der Rauch in seinen Augen zu brennen begann, doch hielt er inne, als er zwischen den Schwaden etwas ausmachte.

Ihm stockte der Atem, als er einen roten Schaal im Wind wehen sah. Fassungslos machte zwei Schritte nach vorn, ehe er auf die Knie sank.

Roke kam sofort angelaufen, da er dachte Logen würde einer verheimlichten Verletzung leiden.

"Warum hast du nichts-"

Den Griff nach seiner Schulter schüttelte Logen jedoch ab und schlug mit der Faust in den Dreck.

"Ich... Ich weiß nicht mal mehr ihren Namen...", krächzte er und schaute in den Schatten vor sich.

Zusammen mit ihrer Mutter lag dort das kleine Mädchen vom Morgen auf der Straße. Die Augen leer und voller Unverständnis aufgerissen schienen sie ihn direkt anzustarren. Je länger er dem Blick standhielt, desto mehr glaubte er ihren stummen Todesschrei hören zu können. Nur mit größter Mühe konnte er sich abwenden.

Hinter ihm schluckte Roke betroffen, versuchte ihn aber sogleich wieder hochzuziehen. Er brauchte nichts zu sagen.

Während Roke ein Stück vor ihm ging, bemerkte er wie seine rechte Hand anfing unkontrolliert zu zittern. Schnell legte er sie wieder an die Waffe, damit niemand es mitbekam.

"Raus! Los beeilt euch!", hörte er plötzlich Lucy vom Haus aus rufen.

Keine zwei Sekunden später trugen Vik und Petrov hastig eine dritte Person zum Truck. Lucy kam gerade herausgestürmt, als das Schiffswrack langsam runterrutschte und die ganze Fassade in Schutt und Asche verwandelte.

Doch darauf achtete sie gar nicht weiter sondern, kniete sich sofort zu der schwer verletzten Frau. Notdürftig versuchte sie das Beste für Alex zutun.

Voller Verzweiflung saß Petrov daneben und hielt ihren Kopf aufrecht.

"Alex, hörst du mich?! Ich werd dich hier rausschaffen, klar? Also bleib gefälligst wach. Halt bitte durch..."

Logen und Roke konnten dem ganzen nur schweigend zusehen, während Alex immer mehr an Blut verlor.

Egal was Lucy versuchte es führte zu nichts. Die Verletzungen waren zu stark. Alex war nach wenigen Minuten tot.

"Shit!", fluchte sie und ließ ihren Frust am Truck aus.

Petrov dagegen hatte sich keinen Millimeter gerührt und redete immer noch leise auf seine Schwester ein. Zu ihnen hatte er bisher kein Wort gesagt.

Nach einer Weile entschied Logen sich das Schweigen zu durchbrechen.

"Hört mal, mir tut es zwar auch leid um seine Schwester, aber hier ist es nicht sicher. Wir sollten besser-"

"Ihr wollt verschwinden? Einfach so?", langsam erhob sich Petrov wieder und ging voller Zorn auf Logen zu. "Oh ja, das passt zu euch. Überall wo ihr auftaucht zerstört ihr nur! Und wegen euch ist Alex jetzt tot!"

"Nicht wir haben sie umgebracht..." - "Aber wegen euch sind sie doch erst überhaupt hier!", schrie er, während seine Faust heransauste.

Doch damit hatte Logen bereits gerechnet und so ließ er den Schlag im Nichts verlaufen. Sein Knie rammte er ihm mitten in die Magengrube.

Keuchend ging Petrov zu Boden.

"Bastarde...alles...", murmelte er vor sich hin und rappelte sich wieder auf. Logen erkannte zuspät, was er in seiner Rechten hielt.

"Wärt ihr nicht gewesen, wäre das alles nicht passiert!", brüllte er sie an und richtete Logens eigene Pistole auf ihn. Verdammt, wie...

"Sie wäre noch am leben!" Tränen liefen ihm erneut übers Gesicht, als er zu seiner Schwester deutete. "Das alles nur wegen euch!"

Wild schwenkte Petrov mit der Waffe zwischen ihnen hin und her.

"Hör auf das Ding auf mich zurichten, wenn du dich nicht zu ihr gesellen möchtest.", knurrte Roke warnend.

"Ich frag mich bloß, wie du das mit einem Loch im Kopf anstellen wirst!"

"Was er meint, ist das für heute schon genug Menschen gestorben sind.", versuchte Lucy es zu retten. "Also-"

"Ach ja? Ich finde für vier weitere ist hier durchaus noch Platz!"

Als er wieder auf Lucy zielen wollte, machte Logen einen Satz nach vorn. Petrov bekam es noch mit, aber er konnte seinen Arm zur Seite schlagen. Ob gewollt oder nicht, löste sich ein Schuss und machte ihn für eine kurze Zeit auf dem linken Ohr taub. Das hinderte ihn jedoch nicht daran Petrov mit einem Fausthieb niederzuschlagen. Die Pistole nahm er schnell wieder an sich.

"Das reicht jetzt.", gab Logen genervt von sich und drückte ihm sein Knie in den Rücken. "Beweg dich und es wird das letzte sein was du tust."

"Achja?", brachte Petrov angestrengt hervor. "Ihr werdet mich doch so oder so abknallen."

"Genau das sollten wir verdammt nochmal tun!", sprach Roke es aus, als wäre es schon beschlossene Sache.

Lucy reagierte sofort und stellte sich ihm in den Weg.

"Das werden wir ganz sicher nicht tun!" - "Was?! Der Scheißkerl hat versucht dich abzuknallen! Wir sollten..." - "Hat er aber nicht! Und ich werde bestimmt nicht zulassen, dass du unter meinem Kommando einen Zivilisten erschießt! Ist das klar, Soldat?!"

Ihre letzten Worte waren eiskalt und mit einem Warnton unterlegt, der keinerlei Zweifel daran ließ was sie im Falle des Falles tun würde. Logen sah zwischen den beiden hin und her, spürte wie sich ein Unglück anbahnte. Er sah nur noch eine Möglichkeit es zu verhindern.

"Steh auf los!", zischte er und zerrte Petrov hoch.

Leicht wankend richtete er sich vor ihm auf und spie einen Blutklumpen in den Schmutz. Die Waffe auf Petrov gerichtet, bemerkten jetzt auch die anderen was vor sich ging.

"Logen, ich hab gesagt-"

"Beruhig dich, ich werde ihn nicht erschießen."

Nur ein kurzes zucken ihrer Wangenmuskeln ließ erkennen, dass sie sich selbst strafte überhaupt auf diesen Gedanken gekommen zu sein. Roke jedoch schien nicht so begeistert.

"Du willst ihn doch nicht etwa mitschleppen? Sobald wir ihm den Rücken zuwenden, sticht der uns doch glatt nieder."

"Nein, das genauso wenig.", sagte er, die Waffe immer noch auf Petrov gerichtet.

"Verstehe... Die Drecksarbeit überlasst ihr lieber euren neuen Freunden, was?", grinste Petrov sie hämisch an.

Logen erwiderte nichts darauf, sondern deutete ihm mit seiner Waffe nur sich endlich in Bewegung zu setzen.

"Ich hoffe bloß sie finden euch und lassen euch leiden, für das was ihr über uns gebracht habt."

Damit mit drehte Petrov sich um und ging humpelnd zurück in Ruinen der toten Stadt. Irgendwie hatte Logen das unangenehme Gefühl, dass das nicht ihre letzte Begegnung bleiben würde.

Aber wie sollte er allein aus dieser lebendig gewordenen Hölle herauskommen? Er war so gut wie tot.

VIII.

Stille... das war das einzigste was sie an den Ausläufern der Stadt empfing.

Wo normalerweise hunderte von Menschen ihrem Leben nachgingen, war jetzt nur noch Staub und Asche übrig. Nichts rührte sich.

Ihm waren früher einmal Aufzeichnungen aus dem Orion System gezeigt worden, doch hatte er damals den Schrecken nicht richtig begreifen können. Nun fand er sich mitten in der grausamen Realität wieder.

Es war schon Nacht, doch sie alle konnten sehen das es nicht nur auf der Straße war, die aus der Stadt führte. Alles schien übersät von schwelenden Fahrzeugwracks, die es nicht geschafft hatten der Zerstörungswut der Vanduuls zu entkommen. Verkohlte Leichen vervollständigten das Bild. Es musste ein wahres Massaker gewesen sein.

"Seht...seht ihr das auch?", fragte Roke in einem Flüsterton, "...das...das kann doch nicht... oh fuck, fuck, fuck!"

Logens Hand begann wieder zu zittern, doch bekam es keiner mit, da alle nur auf die Ebene vor ihnen starrten. Diesmal wollte es jedoch nicht so schnell verschwinden und seine Gedanken machten sich selbständig.

Das soll unsere Schuld sein? ... Nein, das ist einfach absurd. Aber... diese Welt ist vollkommen unbedeutend, wieso sollten sie also-

"Hey Logen, ich rede mit dir.", rüttelte Lucy ihn wach. "Wie viele Granaten hast du noch?"

Er brauchte einen Moment um den Sinn der Frage zu verstehen, dann murmelte er eine Antwort vor sich hin.

"Zwei...nein, drei. Glaube ich."

"Gut, dann gib sie Vik."

Nickend stimmte er zu und stieg wie in Trance aus.

Was wenn es doch unsere Schuld war...

Eine Detonation zerriss die Dunkelheit und verschlang sowohl den Truck, als auch die Hälfte eines Wohnhauses.

Es dauerte nur Sekunden, dann flog bereits ein Truppentransporter über ihre Köpfe hinweg, gefolgt von einem Scythe Duo. Sie hatten den Köder geschluckt.

"Jetzt los, Beeilung!", zischte Lucy und trieb sie voran.

Schnellstens verließen sie die trügerische Sicherheit der Häuser und liefen auf die offene Ebene zu. Angesichts der Masse an Vanduuls die sich innerhalb der Atmosphäre rumtrieben, glatter Selbstmord. Sollten sie entdeckt werden, waren sie sowas von am Arsch. Aber es war der einzigste Weg.

Neben Logen rannte Roke schnaufend her und schien jeden Teil seiner Ausrüstung gleichzeitig zu verfluchen. Eine, wenn auch ungewöhnliche, Methode nichts von all dem an sich heranzulassen.

Ein paar Schritte vor ihm wiederholte Viktor währenddessen immer und immer wieder irgendwelche unverständlichen Phrasen. Es klang fast wie ein Gebet, doch konnte er nichts damit anfangen. So Technik versessen und dann ein Mann des Glaubens? Er musste halluzinieren.

Plötzlich kam Logen ins stolpern, als sein Stiefel hängen blieb. "Mist!"

Roke war sofort zu Stelle und reichte ihm die Hand. "Alles klar?" - "Ja, ja."

Lucy schaute sich kurz um und vergewisserte sich das alles in Ordnung ist, dann ging es auch schon weiter. Nach außen schien sie vollkommen ruhig, als hätte sie alles im Griff. Aber etwas stimmte mit ihr nicht, irgendetwas das sie ihm nicht sagen wollte. Das spürte er einfach.

Und er selbst?

Der Gestank des Todes war nun überall, er schmeckte es sogar auf der Zunge. Seine Hand zitterte schon seid er aus dem Truck gestiegen war und es war noch nicht besser geworden. Bisher hatte es niemand bemerkt, aber früher oder später würde es auffallen. Dabei kam er sich vor wie ein verdammter Frischling.

Nach all der Zeit in der Army hatte er eigentlich gelernt sowas auszublenden. Aber auf einmal...Petrovs Worte fraßen an ihm.

Er war nur wütend das wir seine Schwester nicht retten konnten...Wir sind dafür nicht verantwortlich.

IX.

Im Schatten der ausgebrannten Ruinen tat Petrov einen Schritt vor den anderen, den Blick starr auf den Weg vor sich gerichtet. Zurückzublicken wagte er nicht.

Seine Wut war einer verstörenden Leere gewichen, welche ihn an sich selbst zweifeln ließ. Als hätte der Tod persönlich sein Leben an nur einem einzigen Tag in ein blutiges Chaos verwandelt und nur ihn zurückgelassen um sein grausiges Werk zu bewundern. Es kam ihn vor wie ein schlechter Scherz, dass ausgerechnet er all das überlebt hatte.

Mit diesen Gedanken gestraft, stapfte Petrov ziellos vor sich hin, bis sich vor ihm ein kleiner Platz zu öffnen begann. Zum ersten Mal blickte er sich richtig um.

In der Mitte schmorrte ein zertrümmerter Flieger vor sich hin, welche eine Schneise der Verwüstung hinter sich her gezogen hatte. Der Geruch von verbrannten Menschen hing überall dem, etwas was er nie wieder vergessen würde.

Zu seiner rechten war eine ganze Häuserwand weggesprengt worden, doch wundersamerweise waren einige Tische und Stühle zwischen dem Schutt fast unversehrt geblieben. Als wäre all dies nie geschehen.

Lange überlegte er nicht, seine Beine schmerzten von der ganzen Tortur und müde war er auch. Dieser Ort wäre genauso gut wie jeder andere.

Ein letzter Stim war ihm noch geblieben, stellte er befriedigend fest und kramte sogleich nach seinem Feuerzeug. Die Flamme leuchtete nur schwach auf, doch reichte es um ihn in der Bewegung inne halten zu lassen.

Das Feuerzeug war blutverschmiert, und er wusste sofort das es nicht seins war.

"Fuck!", schrie er in die Nacht hinaus und schleuderte es angewidert weg. Klappernd landete es mitten auf der Straße.

"Wo bleibt ihr?! Ich dachte ihr habt Spaß daran uns abzuschlachten!"

Erwartungsvoll schaute er zu den nahen Häusern und Straßen, seine Atmung beschleunigte sich wie von selbst. "Na los, worauf wartet ihr?!"

Sekunden verstrichen, dann Minuten, doch es blieb still.

"Scheiße!", fluchte er noch ein letztes Mal, dann ließ er sich kraftlos auf einen der Stühle fallen.

Es musste Stunden her sein, dass er die letzten Kampfgeräusche oder Schreie gehört hatte. Waren die Vanduuls vielleicht schon längst wieder abgezogen?

Ein trauriges Lächeln legte sich auf sein Gesicht.

Wenn er es nüchtern betrachtete, war er auf diesem elendigen Haufen Dreck das sich Planeten schimpfte, vielleicht der letzte lebendige Einwohner.

X.

Als die vier Soldaten endlich den abgeschiedenen Landeplatz des Shuttles näher kamen, brach bereits ein neuer Morgen an. Angenehm tasteten die Sonnestrahlen über die Haut, war es in der Nacht doch kaum mehr als über 0 Grad gewesen.

Zweimal waren sie fast entdeckt worden. Zweimal dem Tod von der Schippe gesprungen. Hauptsächlich mit mehr Glück als Verstand, aber sie hatten es geschafft.

"Es ist immer noch hier.", Lucy blickte vom ihrem MobiGlas auf, "Hinter der Kuppe dort."

"Der Pilot muss doch total bescheuert sein. Bleibt hier einfach seelenruhig sitzen, während in der Stadt die Hölle losbricht...", murrte Roke.

"Wärst du etwa glücklicher, wenn er schon längst weg wäre und wir hier festsitzen würden?"

"Was? Nein, so war das nicht gemeint...ich fands halt nur... merkwürdig."

"Ach? Glaubst du ich renn dort mit offenen Armen hin?", fragte sie spitz, "Vielleicht ist was faul, vielleicht auch nicht. Passt einfach auf."

Langsam krochen sie auf die Anhöhung um sich einen Überblick zu verschaffen.

Auf den ersten Blick sah alles gut aus. Keine Vanduuls, keine Jäger. Dort stand nur das Shuttle, provisorisch durch ein Tarnnetz geschützt.

"Wie siehts aus?"

Logen ging jedoch nicht auf ihre Frage ein. Leise klickte das Fernglas, als er den Zoom veränderte.

"Vom Piloten keine Spur... aber da steht ein Speeder aus der Stadt."

"Ein Speeder? Hier?", fragte sie zweifelnd, "Zeig her."

Schon riss sie ihm das Fernglas aus der Hand, der Trageriemen zog ihn würgend hinterher.

"Hey, das..." - "Halt die Klappe... Hm, du hast recht." - "Sag ich doch!"

Abrupt ließ sie los und es flog ihm an den Kopf. "Aua!"

"Stell dich nicht so an... Wir gehen da jetzt rüber."

"Ohne Munition?", fragte Viktor zweifelnd und hielt ihnen sein leeres Magazin hin.

Lucy biss sich verärgert auf die Unterlippe, ehe sie zu einer Antwort ansetzte. "Roke gib ihm dein Ersatzmagazin."

"Was? Wieso ich?" - "Na, weil du der einzige bist der überhaupt noch zwei Magazine hat..."

Ein bedrücktes Schweigen setzte ein, als Lucy dies aussprach. Schließlich reichte er Viktor das Magazin.

"Aber verballer nicht alles auf einmal, ja? ... Also, wie geht’s weiter Sergeant?"

"Ich sag dir, der Plan ist scheiße.", grummelte Roke neben ihm her. - "Als wäre dir was besseres eingefallen."

Beide rückten langsam aber bestimmt mit ihren Waffen im Anschlag auf das Shuttle vor. Man würde sie schon von weitem kommen sehen, gab es doch ringsum nichts mehr als vertrocknete Erde. Währenddessen konnte Logen beobachten wie sich Viktor und Lucy über die toten Winkel anschlichen.

"Grmpf...trotzdem, warum mussten wir schon wieder die Arschkarte ziehen?"

Eine Antwort darauf sparte er sich, kamen sie dem Shuttle doch jetzt immer näher. Die Sonne stand noch schräg am Himmel und hüllte den Innenraum in Dunkelheit. Wenn jemand dort drinnen saß wäre es ihm ein leichtes sie nun aufs Korn zu nehmen. Die Stille war erdrückend.

Als Logen auf Höhe des Speeders ankam, fand er schließlich den Piloten. Leider mit zwei Kugeln in der Brust.

"Jetzt haben wir ein Problem.", meinte er an Roke gewandt und suchte nach Anzeichen für den Verbleib des Mörders.

Der riskierte einen kurzen Blick zur Leiche. "Ich habs doch gesagt...Hey, was hält der da in der Hand?"

Erst jetzt bemerkte Logen den unscheinbaren Gegenstand der aus dessen Umklammerung hervorlugte. Als plötzlich ein rotes blinken einsetzte, wurde ihm klar was gleich passieren würde. "Verdammt, weg hier!"

Beide spurteten sie unvermittelt los, als wenige Sekunden später Pilot und Speeder von einer flammenden Explosion verschluckt wurden. Er spürte die Hitze in seinem Nacken, als sie auch schon der Druckwelle erfasst wurden. Hart wurden sie zu Boden geschleudert.

Unter größter Anstrengung versuchte er sich auf den Rücken zu drehen, jeder Muskel schien zu brennen. Benommen blickte er zurück.

Er sah noch wie Lucy und Viktor von unsichtbaren Schüssen niedergestreckt wurden, dann versperrte ihm ein breiter Schatten die Sicht. Ein dunkles Lachen war des letzte was er hörte, als ihn ein wuchtiger Schlag gegen die Schläfe ins Traumland schickte.

XI.

"...versteckt habt. Wem habt ihr noch davon erzählt?", forderte eine ungeduldige Stimme.

Nur langsam besann Logen sich wieder seiner Umwelt, sein Schädel dröhnte schlimmer als nach einer Sauftour mit Roke. Und das sollte schon was bedeuten.

Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase und ließ ihn aufblicken. Kleine Flammen zuckten immer noch auf den Überresten des Piloten umher, es konnte also nicht viel Zeit vergangen sein. Weitere Tote sah er zum Glück nicht.

"Red gefälligst Süße, oder ich werde ungemütlich!", kam es diesmal eindringlicher. Er meinte die Stimme zu kennen.

Neugierig drehte er den Kopf zu Seite und erschrak. Keine fünf Schritte von ihm saß Lucy gegen die Außenhülle des Shuttles gelehnt, während ihr eine Klinge an die Kehle gehalten wurde. Seine Klinge!

Vor ihr hockte ein Mann in der Uniform des Navy-Personals. Die Kleidung war ihm jedoch etwas zu klein und seine Statur glich eher einem grimmigen Soldaten, denn einem harmlosen Techniker. Es war offensichtlich das sie gestohlen war.

Lucy blickte ihren Gegenüber stur an und weigerte sich auch nur irgendetwas zu sagen. Auf einmal spannten sich jedoch ihre Züge und sie schien einen Hauch blasser zu werden. "Was ist? Spucks endlich aus." Sicherlich hatte er es nicht wortwörtlich gemeint, dennoch ließ es sich nicht mehr verhindern. Mit einem Mal erbrach sie sich und versaute ihm Hose und Hemd. Sie grinste noch, doch eine Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

"Fuck, verdammte Schlampe!", brüllte er und schlug ihr gleichzeitig den Knauf ins Gesicht. Hustend blieb sie im Staub liegen.

Logen hatte genug gesehen. Einen abscheulichen Fluch auf den Lippen wollte er aufspringen und sich auf ihn stürzen. Dass er noch gefesselt war interessierte ihn nicht.

Doch soweit kam es gar nicht, kaum hatte er sich aufgerichtet, wurde er auch schon wieder mit einem Schlag in die Seite zu Boden geschickt. Ein weiterer unbekannter Widersacher hatte sich die ganze Zeit hinter ihm befunden.

"Oh, sieh an wer da genau rechtzeitig aufgewacht ist.", meinte der mit dem Messer sarkastisch und versuchte sich etwas ungeschickt von dem Erbrochenen zu befreien.

Als er noch zwei Schritte näher kam, wusste Logen wo er die Stimme schon einmal gehört hatte.

"Überrascht? Oh, wenn du dein Gesicht jetzt sehen könntest!", lachte Colonel Calendorn ihn an.

"Aber...aber...das ist nicht möglich. Der Frachter..."

Logen traute seinen Augen nicht mehr, war es wirklich der Colonel der da vor ihm stand oder litt er unter Wahnvorstellungen?

"Glaubst du ich wäre so blöd mich mitten in meine eigene Falle zu setzen?", sagte er abfällig, während sich in sein Gesicht zu unbekannter Härte verzog. "Aber genug davon, sag mir lieber mit wem ihr noch über die Daten gesprochen habt oder ob es noch mehr Kopien gibt. Dann werde ich vielleicht davon absehen deine Kleine," er richtete die Messerspitze auf Lucy, " vor deinen Augen in Scheibchen zu schneiden..."

Schwer schluckte Logen. Das konnte alles nicht stimmen, nichts von dem ergab einen Sinn. "Warum...?"

Der Colonel folgte seinem Blick zu der rauchenden Stadt. Immer noch blitzen hin und wieder kleinere Explosionen auf.

"Ach das?", sagte er schon fast gelangweilt. "Sagen wir es bot sich einen passende Gelegenheit einen Schlussstrich zu ziehen. Schließlich würde niemand etwas hinter meinen oder eurem Verschwinden vermuten. Wahrscheinlich würde man uns sogar auszeichnen. Post Mortem versteht sich."

Das teuflische Grinsen das er ihm zuwarf, war das krasse Gegenteil zu dem Colonel den er kennengelernt hatte. Es musste ein Alptraum sein aus den er jeden Moment aufwachen würde, dachte Logen. Ganz sicher.

Doch nichts geschah und insgeheim wusste er bereits, dass dies niemals geschehen würde. Er versuchte seine Gedanken neu zuordnen und überlegte sich seine nächste Frage genauer. Je länger Calendorn redete, desto mehr Zeit hatten sie einen Ausweg zufinden. Auch wenn er noch nicht so recht wusste wie.

"Arbeitet ihr mit den Vanduuls zusammen? Ist es das? Seid ihr irgendwelche kranken Vanduulanbeter?!" Logen glaubte seinen eigenen Worten nicht, aber seine List ging auf.

"Mit diesem Abschaum? Niemals.", verärgert schaute er Richtung Himmel. "Wir haben ihnen lediglich einen kleinen... Anreiz gegeben, woraufhin sie sich wie die Motten auf das Licht stürzten. Besser hätte es wirklich nicht laufen können."

Mit einer Drehung wandte er sich ihnen wieder zu. Seine Augen funkelten belustigt.

"Wegen euch wurde eine ganze Stadt dem Untergang übergeben und ihr habt nicht einmal den leisesten Schimmer wieso.", er grinste verschlagen. "Wie fühlt sich das an?"

Keine Antwort drang aus Logens Mund, stattdessen starrte auf den Boden unter sich. Kleine Blutstropfen versickerten in der ausgedörrten Erde.

All diese Menschen...ist das alles meine Schuld? Wenn ich die anderen nicht dazu überredet hätte die Daten zu behalten, wäre es vielleicht nie dazu gekommen!

"Ich seh schon, es war Zeitverschwendung sich mit euch aufzuhalten."

Während er sich wieder erhob, ließ er das Bajonett achtlos fallen und zog stattdessen seinen schweren Revolver aus dem Holster. Klickend fuhr das Magazin heraus, er prüfte es kurz und ließ es dann wieder einrasten.

"Warte.", unterbrach ihn plötzlich sein Kamerad, der bisher nur stillschweigend daneben gestanden hatte. "Was ist mit der Frau? Wäre sie nicht ideal?"

"Vielleicht...", nachdenklich kratzte er sich am Kinn. "Nein, sie würde die Prozedur wahrscheinlich nicht überleben. Das Risiko ist es nicht wert."

"Zu Schade...", sagte er fast schon wehleidig. Ideal wofür?

Doch um noch weiter darüber nachzudenken war es zu spät. Den Lauf auf Logens Stirn gerichtet, würde Calendorn jeden Augenblick abdrücken.

Er wartete auf den Knall und auf das Ende, in welcher Form auch immer.

Aber ob nun Zufall oder Fügung, es sollte nie dazu kommen. Das verräterische Summen kündigte den Scythe-Aufklärer an, noch bevor er in Sicht kam. Verstecken war sinnlos, sie saßen wie auf dem Präsentierteller.

"Verflucht, ihr habt sie hergeführt!", zischte Calendorn und schaute dem Jäger nach, als er im Tiefflug vorbeizog.

Dieser kurze Moment der Unachtsamkeit genügte Lucy. Mit einem Satz sprang sie auf den Colonel zu, in der rechten ein scharfes Stück Metall haltend.

Zwar bemerkte er die nahende Gefahr noch, doch da war es schon zu spät. Knirschend drang die Spitze zwischen Hals und Schulterblatt ein.

Schreiend riss er den Revolver hoch, während sich sein Finger um den Abzug verkrampfte. Die Kugel die Logen gelten sollte, ging fehl und verteilte stattdessen das Gehirn seines Kameraden über den Boden.

Logen zögerte nicht länger, schnell griff er nach dem herrenlosen Bajonett und befreite sich von seinen Fesseln. Mit einem Tritt beförderte er es schnell zu Roke und Viktor hinüber, damit sie sich selbst befreien konnten. Notgedrungen nahm er die Waffe des Toten an sich.

Inzwischen hatte Calendorn es geschafft Lucy von seinem Rücken abzuwerfen und versuchte sich den Splitter aus seinem Fleisch zuziehen. Die Wunde war tief und Blut lief in rauhen Mengen herunter, aber er schien sich nicht groß daran zu stören. Den Revolver hatte er bereits wieder auf Lucy gerichtet.

"Habt ihr wirklich geglaubt mich so einfach töten zu können?!", warf er ihnen spöttisch entgegen.

Das Visier auf des Colonels Körpermitte gerichtet, wollte Logen abdrücken. Aber nichts tat sich. Auf der Munitionsanzeige flammte lediglich das Wort "Gesperrt" auf.

Calendorn hatte ihn inzwischen bemerkt und schwenkte höhnisch grinsend zu ihm herum.

"Erbärmlich."

Logen starrte in die Mündung, unfähig sich zu bewegen. Versagt...

Doch statt eines lauten Knalls, erfolgte nur ein dumpfes klatschen. Erst dann hallte ein entfernter Schuss nach.

Calendorn senkte den Revolver und schaute überrascht an sich herab. Wo eigentlich mehrere Orden an seiner Brust steckten, klaffte jetzt ein faustgroßes Loch.

Er wollte lachen, aber es kam nur ein Schwall Blut heraus. Dann brach er auch schon tot zusammen.

Ein, zwei Sekunden schaute Logen noch ungläubig zu der Leiche, ehe er realisierte was gerade passiert war und sich nach dem Schützen umschaute. Schnell war er gefunden.

Auf dem gleichen Weg den sie genommen hatten, stapfte nun eine Truppe Vanduuls heran. Einer von ihnen war stehen geblieben und zielte mit einem übergroßen Scharfschützengewehr auf sie. Ein Schauder erfasste ihn. Er lädt nach!

"Ins Shuttle, sofort!", sprach Lucy aus was er dachte. Keiner widersprach.

Logen hatte sich in den Pilotensitz geschwungen und warf die Maschinen ohne Rücksicht auf die Checkliste an. Jetzt zählte nur schnellstmöglich abzuheben.

Der Antrieb kreischte auf und mit einem Ruck setzten sie sich in Bewegung. Der Vanduul Jäger war bereits dabei umzudrehen und würde sich jederzeit hinter sie setzen.

Mehrmals wurden sie durchgeschüttelt, als die Schilde erste Treffer abbekamen. Hastig wich Logen mit einer Seitwärtsrolle weiteren Beschuss aus und ging zu einem Zickzackkurs über.

"Verdamm, der ist zäh!" Warnend blinkte die Schildanzeige auf, nur noch dreißig Prozent. Lange würde es nicht mehr halten. "Ich hätte da vielleicht eine Idee, aber ich glaub das wird euch nicht gefallen."

Hinter ihm hatten Viktor und Lucy alle Mühe sich festzuhalten, während Roke sich auf den Copilotensitz gerettet hatte.

"Völlig egal, machs einfach!", rief Lucy ihm zu.

"Also gut... Roke, wenn ichs sage ziehst du den Hebel dort runter."

Skeptisch sah Roke zu dem roten Hebel direkt über seinen Kopf auf. Etliche Warnungen prangten um dessen Rand.

"Nur im äußersten Notfall betätigen.", las er den Text laut vor.

"Damit sprengst du unser Triebwerk ab."

"Das...was?! Spinnst du?!", schaute er ihn verdattert an. "Ohne sitzen wir hier doch fest!"

"Entweder das, oder das hier war unser letzter Landgang."

Zweifelnd sah Roke ihn an. Doch dann zerbröckelte seine ernste Miene.

"Wegen dir gehen wir noch eines Tages drauf, weißt du das?", scherzte er und griff nach dem Hebel. "Scheiß drauf, lass es uns durchziehen!"

Logen widmete sich wieder den Instrumenten, sie standen kurz davor die Atmosphäre zu verlassen. Schnell begann er alle übrige Energie in die Triebwerke umzuleiten.

Zwar gewannen sie ein wenig an Geschwindigkeit, doch mit dem Scythe Jäger konnten sie es nicht aufnehmen. Unerbittlich kam er näher.

Langsam aber sicher erreichten die Triebwerke ihre Grenze der Belastbarkeit.

"Komm schon, noch ein bisschen...", murmelte er vor sich hin. Im gleichen Moment flammte die Warnleuchte für Raketen auf. Sie waren erfasst worden!

"Jetzt!", brüllte er und Roke tat wie ihm aufgetragen.

Auf halber Strecke zum Shuttle traf die Rakete auf das heißgelaufene Triebwerk, der Aufschlag erfolgte unmittelbar. Hell wie tausend Sonnen breitete sich die Explosion rasant aus und fraß sich über den Himmel. Der Vanduulpilot versuchte zwar noch auszuweichen, aber da war es bereits zuspät. Verschluckt von der Explosion, blieben nur rauchende Trümmer übrig.

Von all dem bekam ihr Squad nichts mehr mit. Von der Druckwelle aus der Anziehungskraft des Planeten geschleudert, trudelte das Shuttle durch das All.

XII.

Das Innere des Shuttles war nur noch spärlich beleuchtet, viel mehr als das Lebenserhaltungssystem war nicht aktiv. Zwischen den Instrumenten blinkte nur noch eine kleine Lampe auf. Ihr Notsignal.

Die Nachwirkung der Explosion hatte für einige Sekunden alle Sensoren in der Umgebung gestört. Logen hatte die Zeit dafür genutzt um alles herunterzufahren, damit es so wirkte als wären sie ebenfalls dabei umgekommen. Nur ein weiteres Wrackstück, welches langsam vom Planeten wegtrieb.

Keinen Mucks hatten sie von sich gegeben, da sie nicht wussten welche Reichweite oder wie stark die Scanner der Vanduuls waren. Mithilfe der verbliebenen Steuerdüsen hatte Logen sie schließlich auf einen entfernten Sprungpunkt zugelotst. Niemand hatte ihre Flucht verhindert.

Sie trieben jetzt schon eine ganze Weile durch die Gegend und warteten auf Hilfe. Von alleine würden sie nirgendswo mehr hinfliegen können.

Während die anderen vor Erschöpfung im Schlaf versunken waren, hatte Logen sich in seinem Sitz zurückgelehnt und starrte grübelnd auf die Projektion seines MobiGlas. Rot leuchtete die verschlüsselte Datei auf. So nah und doch so fern.

"Ob es stimmt?", sagte Logen nach einiger Zeit, da er es in der Stille nicht mehr aushielt.

"Eine ganze Stadt... zerissen von Vanduuls, nur wegen dem hier...?", flüsterte er und hielt sein MobiGlas hoch. "Und das alles nur weil ich-"

"Red nicht so einen Unsinn.", unterbrach ihn die warme Stimme Lucys.

Leise war sie an ihn herangetreten, ihre Arme von hinten um seinen Hals geschlungen. Allein ihre Nähe verjagte für einen Moment die dunklen Gedanken.

"Nicht wir haben sie auf die Stadt gehetzt, oder?" - "Nein...aber trotzdem, hätte ich euch nicht-"

Schnell hüpfte sie auf seinen Schoß und legte ihm einen Finger auf die Lippen.

"Es ist nicht deine Schuld, von keinem von uns, kapiert? Ich will davon also nichts mehr hören. Und diskutier bloß nicht mit mir, verstanden?"

Ihre Augen beobachteten ihn wachsam, ohne eine Zustimmung würde sie ihn nicht gehen lassen. Niemals. Lucy..

Er sah es immer noch vor sich... wie er zwischen all den Toten lag... das kleine Mädchen... aber sie hatte recht, dass sah er jetzt ein. Auch wenn er das Gesehene nie wieder loswerden würde, dafür war er nicht verantwortlich. Mit einem Nicken gab er ihr zu verstehen, dass er es nun verstand.

Erleichtert neigte sie den Kopf etwas und lächelte.

"Was ist mit dir?"

"Wieso? Was soll mit mir sein?", fragte sie unsicher.

"Gehts dir wieder besser? Da draußen hast du..."

"Das war nichts, mir... mir gehts prima.", sagte sie abweisend. Was ist denn jetzt los?

Sie stand bereits wieder auf und fuhr sich unruhig durch die Haare.

"Wir sollten uns überlegen was wir als nächstes tun. Hey Roke, Vik, aufwachen."

Mit leichten Tritten riss sie die beiden aus dem Schlaf. Kurz darauf gesellten sie sich dazu.

"Was wir jetzt machen? Ganz einfach, wir...", Roke schnippste mit den Fingern, "...lösen uns in Luft auf.", meinte er als wäre es schon beschlossene Sache.

"Kommt nicht in Frage. Wir müssen der Flotte bescheid geben.", hielt Lucy dagegen.

"Was? Dann können wir uns doch auch gleich selbst erschießen. Noch weiß keiner das wir überlebt haben, oder? Außerdem werden wir wohl nicht die einzigen sein, die-"

"Ach, und das weißt du mit Gewissheit?", mischte sich nun auch Logen ein.

"Natürlich nicht, aber-"

"Dann wird das morden weitergehen, bis sie jeden getötet haben. Willst du das?", herrschte er ihn an.

"Ja, ja, ist gut. Hast mich überredet.", winkte er ab. "Ich habs nicht so gemeint, sorry..."

"Und was machen wir dann?", wollte Viktor wissen. "Ich mein, allzu lange werden die uns bestimmt nicht in Ruhe lassen. Auch wenn uns das 83. Rückendeckung gibt."

"Ich weiß, ich weiß... Wenn selbst Calendorn da mit drin hing...Scheiße!", fluchte ihr Sergeant. "Wir setzen uns ab sobald es geht, was anderes bleibt uns nicht übrig."

"Und was ist mit den Daten? Denn ich glaub als Druckmittel hat sich das erledigt.", sagte Roke.

"Wir haben erstmal ganz andere Probleme und zurzeit kommen wir da sowieso nicht ran, oder Vik?" - "Sehr unwahrscheinlich, ja", gestand er reumütig.

"Da hörst du es. Wir kümmern uns drum, wenn wir die Möglichkeit haben. Vik, wie siehts aktuell mit dem Kom aus, kannst du irgendwie das Signal verstärken? Vik?"

"Ich glaub, dass wird nicht mehr nötig sein.", murmelte er als Antwort und schaute durch die Cockpitscheiben nach draußen.

Vor dem Shuttle zog eine Hornet vorbei, eine zweite war gerade im Begriff ihre Lichtkegel ins innere zu lenken.

Logen erkannte noch das Banner United Empire of Earth, bevor er auch schon geblendet die Augen zukneifen musste.

Hier gehts weiter --> http://www.star-citizens.de/blog/48/entry-258-teil-5-eine-frage-der-schuld-3/



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